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Foto: Alexander von Streit

„Meine Vision
       ist es,
  eine digitale
Nachhaltigkeits-
   bewegung zu
etablieren“

14 Fragen an DIALODGE-Gründer Stephan Weichert

Warum gibt es die DIALODGE? Was bedeutet der Name? Warum ist sie nicht nur ein Ort, sondern auch Bildungsprojekt? Was können wir tun, um in der Digitalisierung resilienter zu werden? Dr. Stephan Weichert, Gründer und Geschäftsführer der DIALODGE, beantwortet die wichtigsten Fragen rund um das Projekt.

Herr Dr. Weichert, was ist die DIALODGE?

Die DIALODGE ist ein Ort der Resilienz und des Dialogs – mitten im Herzen des UNESCO Biosphärenreservats Schaalsee und im Naturpark Lauenburgische Seen. Mit DIALODGE ist in erster Linie unser wunderschönes Blockhaus gemeint, eine Lodge aus den 1960er Jahren, die damals als Jugendfreizeitstätte genutzt wurde. Es ist auch ein Bildungsprojekt, das Menschen ins Gespräch bringen und den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken soll – daher der Name.

Was soll die DIALODGE als Bildungsprojekt leisten?

Unsere Gesellschaft ist an einem Wendepunkt, wir erleben viele Krisen in rasanter Abfolge, die uns allen zu Recht große Sorgen bereiten: Globale Klimakatastrophe, Pandemien, Kriege, Künstliche Intelligenz, der Aufstieg der AfD. Um diese Herausforderungen zu meistern, braucht es viele kreative Köpfe, die gemeinsam an innovativen Lösungen arbeiten. Ich meine, dass es weniger die handelnde Politik in den Hauptstädten ist, die unser Zusammenleben verbessern wird. Es sind vor allem Menschen in den ländlichen Regionen, denen wir zuhören sollten, um die Kalamitäten unserer Demokratie besser zu verstehen. Hier ruht viel Innovationspotenzial. Wir verstehen die DIALODGE daher als „dritten Ort“, an dem wir gemeinsam mit den Menschen, die hier leben, über die Zukunft der Gesellschaft und zugleich über den Erhalt unserer Demokratie nachdenken. Mit unserem Schlüsselprojekt können wir dieses Potenzial hoffentlich vergrößern.

„Die DIALODGE ist ein Kreativzentrum, das Menschen inspiriert und intensive Gemeinschaftserlebnisse ermöglicht“

Was bedeutet „dritter Ort“?

Der Begrifft entstammt der Soziologe und meint Kraftorte, die einen Ausgleich zu Beruf und Privatleben schaffen – im besten Falle sind es Kreativzentren, die Menschen inspirieren und intensive Gemeinschaftserlebnisse ermöglichen. Diese Ankerpunkte für soziale Vielfalt bieten Raum für Kultur, Bildung und Begegnung. Solche Plätze habe ich auf meinen Studienreisen einige auf der Welt kennengerlernt. Aber nur wenige sind so besonders wie die DIALODGE. Wir konnten auf diesem Areal einen neuen „dritten Ort“ erschaffen, der das kreative Denken fördert und konstruktive Gespräche ermöglicht. Und das alles verbunden mit einem hehren Ziel: Wir betrachten die DIALODGE als impulsgebende Keimzelle für eine neue Demokratieoffensive.

Was bietet die DIALODGE konkret an?

Wir bieten Entspannung und Ruhe. Kraft zu tanken – fernab vom Großstadtstress – ist der erste Schritt, um in diesen krisenschweren Zeiten miteinander in den Austausch zu treten und als Gesellschaft resilienter zu werden. Was die DIALODGE also nicht sein will, ist ein x-beliebiger Yoga-Retreat oder ein regionales Wellness-Zentrum, wie es tausende in Deutschland gibt. Wir verbinden hier in der Natur einen Rückzugsort mit kreativem Denken: Im Rahmen unserer Bildungsprogramme können Teams und Gruppen, auch Privatleute nicht nur eine gute Zeit verbringen. Sondern sie können auch mit uns und unseren Netzwerkpartner:innen an ihren Visionen und Herausforderungen arbeiten, um innovative und nachhaltige Lösungen zu entwickeln. Das sind zum Beispiel Teambuilding-Retreats, Führungskräfte-Coachings, Kultur-Events. Wir bieten als Rahmenprogramm passend dazu Kochkurse an, Trainings zu Resilienz und lösungsorientierter Kommunikation, Kreativwerkstätten und geführte Wanderungen – allesamt Angebote, die einem Zweck dienen: Wir wollen, dass sich die Besucher:innen hier wohlfühlen und zu sich selbst kommen, um ihr eigenes menschliches Innovationspotenzial zu entdecken.
 

„Wir sehen uns als Pioniere einer digitalen Nachhaltigkeitsbewegung“

Was macht den Ort so besonders?

Die DIALODGE ist so authentisch und im besten Sinne down to earth, dass man – wenn man erstmal angekommen ist – eigentlich gar nicht mehr wegwill. Es lässt sich wirklich schwer in Worte fassen: Die Natur und auch die Patina des Hauses haben eine unglaubliche Ausstrahlung, wie man sie selbst an charismatischen Orten nur selten vorfindet. Dazu trägt nicht nur die Umgebung bei, sondern auch die wunderbaren Menschen, die das Leben in dieser Region ausmachen – vom Landwirt bis zur Künstlerin, über den Tischler bis zur IT-Fachkraft. Ich habe bei fast jeder Gemeindeveranstaltung Menschen aus der Region kennengelernt, die eine lustige oder sentimentale Geschichte der vergangenen Jahrzehnte zu diesem Ort beizutragen hatten.

Time well spent – wofür steht das Motto der DIALODGE?

Die Aufforderung haben wir uns von der gleichnamigen digitalen Nachhaltigkeitsbewegung aus Kalifornien ausgeborgt – bei uns in Europa bekannt geworden durch den US-Dokumentarfilm „The Social Dilemma“. Ihre Gründer:innen befassen sich wie wir mit Resilienz rund um die digitale Mediennutzung. Meine Vision ist es schon lange, eine solche Bewegung auch in Deutschland zu etablieren. Deshalb habe ich 2021 mit meinen Kollegen Dr. Leif Kramp und Alexander von Streit das VOCER Institut für Digitale Resilienz gegründet. Wir sehen uns hierzulande als Pionier:innen dieser digitalen Nachhaltigkeitsbewegung. Auch deshalb hat das Institut seinen Geschäftssitz 2023 nach Mustin verlegt, direkt auf den Campus der DIALODGE.

Was macht das VOCER Institut für Digitale Resilienz genau?

Das VOCER-Institut ist ein gemeinnütziger Think & Do Tank, der sich mit den Zusammenhängen von individueller und sozialer Widerstandskraft im Digitalen befasst. Wir machen uns für eine humanistische Digitalisierung stark, aber auch für gemeinwohlorientierte Strukturen in einem von Profitgier getriebenen kapitalistischen System. Konkret gesprochen umfasst unser Bildungsspektrum alles, was mit sozialer Innovation und Demokratie-Resilienz zu tun hat: Meine Kollegen und ich lehren, forschen und publizieren seit 20 Jahren zur digitalen Transformation.

Was bieten Sie konkret an?

Wir bieten Medienakademien und Weiterbildungen an, organisieren Innovationskonferenzen, Demokratie-Werkstätten und Resilienz-Workshops. Zuletzt haben wir in der DIALODGE einen Visions-Workshop mit kreativen Köpfen umgesetzt, die sich als Vordenker:innen für ländliche Demokratieprojekte betrachten. Im Herbst haben wir in Kooperation mit der „taz“ ein Nonprofit-Festival in Berlin veranstaltet, das sich mit gemeinnützigem Journalismus befasst und jetzt zum Festival für Bürger:innen ausgebaut werden soll. Mit der DIALODGE haben wir einen physischen Ort gefunden, am dem wir viele der Instituts-Aktivitäten bündeln und unseren Bildungsauftrag in inspirierenden Präsenzbegegnungen umsetzen können. Das ist nach den auslaugenden und teils polarisierenden Corona-Jahren nicht nur wohltuend, sondern auch zwingend notwendig.

„Was können wir dafür tun, dass wir weiter als freie Gesellschaft zusammenleben können und Demokratie nicht als selbstverständlich hinnehmen?“
 

Was leistet der Ansatz der Digitalen Resilienz?

Glaubwürdigkeit ist in der krisengebeutelten Gesellschaft ein Muss für individuelle Resilienz, aber auch für resiliente Organisationen und Demokratie-Resilienz insgesamt – erst recht in Zeiten von AfD, Populismus und Sprung-Innovationen wie KI. Auch deswegen haben wir bewusst unseren Fokus noch stärker auf digitale Resilienz im Lokalen gelegt. Wir gehen davon aus, dass konstruktiver Dialog vor allem in der Fläche funktionieren muss. Unsere Leitfragen sind: Wie machen wir Demokratie in ländlichen Räumen widerstandsfähiger? Wie können wir mit Krisen umgehen, um gesellschaftlich innovativer zu werden? Und schließlich: Wie kann unser System als Ganzes gemeinwohlorientierter werden? Das sind in Kürze unsere ideellen Leitplanken, anhand derer wir unsere Gesellschaft durch diese Zeit der „Poly-Krisen“ manövrieren können.

Wie werde ich als Individuum digital resilient?

Resilienz fängt immer mit der eigenen Selbsterkenntnis an. Wir sehen in unserer Forschung einen unmittelbaren Zusammenhang von Resilienz, den Krisen in unserer Gesellschaft und der Digitalisierung, die alles um uns herum rasant beschleunigt. Wenn ich als Individuum bereit bin, in meinem digitalen Mediennutzungsverhalten an mir zu arbeiten und einen Weg zu finden, um in eine bessere Balance mit meiner Umwelt zu kommen, ist der erste Schritt getan. Der zweite Schritt besteht darin, mehr Widerstandskraft auf Unternehmens- oder Organisationsebene zu entwickeln, das heißt, in beruflichen Zusammenhängen und sozialen Netzwerken – und damit meine ich die leibhaftigen – resilienter zu werden. Die dritte Ebene umfasst Gesellschaft als Ganzes, etwa die Resilienz unseres politischen Systems oder der Wirtschaft. Hier sind vor allem Politik und Zivilgesellschaft gefragt, um die Resilienz unserer Demokratie zu stärken. Darüber hinaus sollten wir alle uns fragen: Was kann jeder Einzelne dafür tun, damit wir weiterhin als freie Gesellschaft zusammenleben können und Demokratie nicht für selbstverständlich halten?
 

„Ich finde es nicht verwunderlich, dass das Vertrauen in die Institutionen gesunken und unser Demokratieverständnis durchlässiger geworden ist“

 

Was muss gesellschaftlich getan werden?

Wir haben in den letzten Jahrzehnten gelebt, als würde es immer so weitergehen. Gleichzeitig haben wir globale Herausforderungen auf uns zukommen sehen und diese geflissentlich ignoriert: Konfliktherde, Naturkatastrophen, Extremismus, Polarisierung, Energiekrise. Ich finde es nicht sehr verwunderlich, dass das Vertrauen in die Institutionen gesunken und unser Demokratieverständnis durchlässiger geworden ist, weil wir es mit ungelösten Problemen zu tun haben und die Politik mehr schlecht als recht handelt. Nur wenige Menschen verstehen, dass viele Entwicklungen miteinander zusammenhängen und Auswirkungen auf jeden Einzelnen haben. Der Rückzug ins Private hilft wenig, wenn Strukturen ins sich zusammenfallen. Es geht um Dinge, die alle angehen und die wir gemeinsam lösen sollten, schon im eigenen Interesse.

 

Welche Lösung schlagen Sie vor?

Meiner Meinung nach müssen wir bei zivilgesellschaftlichen Debatten, die letztlich zu politischem Handeln führen können, immer das Verbindende suchen, nicht das Trennende. Die Leute mitnehmen, um Verständnis werben, ihnen besser zuhören, andere Meinungen zulassen – darin liegt der Schlüssel zu mehr konstruktivem gesellschaftlichen Dialog. Er liegt nicht in populistischen Parolen, mitnichten in Hass und Hetze. Wir wollen in der DIALODGE neuen Methoden, Ideen und Formaten den nötigen Raum geben, die Dialog in der Breite und Fläche fördern. Dafür suchen wir Mitmacher:innen, Partner:innen und finanzielle Unterstützer:innen, die mit uns diese gemeinsame Vision verfolgen. Derlei Dialogarbeit kann nervenaufreibend sein, aber sie lohnt sich. Auch deshalb, weil wir in Europa wählen und auf die Straße gehen dürfen und so dafür sorgen können, dass Demokratie niemals aus der Mode kommt und extreme Töne den öffentlichen Diskurs beherrschen. Das ist in vielen Ländern dieser Welt leider nicht der Fall.

 

Was empfehlen Sie speziell den Besucherinnen und Besuchern der DIALODGE, um resilienter zu werden?

Auf unserem Campus gibt es viele idyllische Ecken, in denen man auf gute Gedanken kommt: Ich empfehle Besucher:innen immer einen Spaziergang um unseren Badesee, am besten mit einem kühlen Getränk in der Hand. Auf dem Grundstück gibt es einen Bouleplatz, eine Wiese zum Spielen und Faulenzen und demnächst eine Grillstelle, an der man nachts ums Lagerfeuer sitzen und Lieder singen kann. In der unmittelbaren Umgebung kann man Pferdegestüte besuchen, alte Holzkirchen bestaunen wie die Maria-Magdalenen-Kirche bei uns im Ortskern von Mustin, ein geschütztes Kulturdenkmal aus dem 12. Jahrhundert. Besucher:innen nehmen an Yoga- und Meditationskursen teil oder unternehmen Ausflüge in die pittoresken Kleinstädte Ratzeburg und Mölln. Es gibt unzählige Wassersportmöglichkeiten in der Region, und durch die Nähe zur ehemaligen deutsch-deutschen Grenze ist es hier überall grün, soweit das Auge reicht.

„Erleben, entdecken, entspannen“ lautet ein weiterer Appell von Ihnen: Haben Sie noch einen Tipp, was Gäste der DIALODGE unbedingt erlebt oder entdeckt haben müssen?

Ein Sprung in den klaren See ist ein Muss, wer mutig ist, versucht es schon vor Mitte Mai. Das bringt den Kreislauf in Schwung und unendlich viel Spaß – ein guter Start in den kreativen Tag. Ich bin zwar auch ein sehr wasseraffiner Mensch, aber die schönsten Erlebnisse habe ich beim Wandern in den umliegenden Wäldern, etwa um Phulsee und Küchensee. Hier entdeckt man das Beste aus beiden Welten und kann durchatmen, einen klaren Kopf kriegen und sich digital entgiften. Meine persönliche Lieblingsstelle zeige ich nur Freunden – aber so viel verrate ich: Von dort aus kann man in einer lauen Sommernacht wunderbar in den Himmel schauen und alles, was uns im Alltag stresst, vergessen: Dann heißt es in der DIALODGE „Sterne gucken deluxe“.

jzw

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